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Rekonstruktion der familiären Verknüpfungen einer flaminica

Hendrik Hoffmeister

Die folgenden Ausführungen sollen veranschaulichen, wie ausgehend von einer speziellen Inschrift familiäre Bezüge und örtliche Verbindungen durch den Vergleich mit anderen Inschriften rekonstruiert werden können. Zugleich soll dieses Beispiel die oftmals auftretende Mehrdeutigkeit epigraphischer Informationen präsentieren, die exakte Bestimmungen verbietet, aber zugleich den Raum für Spekulationen und weitere Recherche eröffnet. Im Folgenden soll die Rekonstruktion eines Zweiges der gens Annia erfolgen, zu welcher mehrere von uns ermittelte Priesterinnen gehörten und die daher für eine Untersuchung möglicher Beziehungen und Verwandtschaften geeignet erscheint:

Grundlage dieser Rekonstruktion stellt eine in das 2. Jahrhundert n.Chr. datierte Inschrift aus Thamugadi im heutigen nördlichen Algerien dar (EDCS-24500252). In dieser Weihinschrift für Fortuna Augusta werden die flaminica Cara sowie ihre Schwester Tranquilla als Angehörige der gens Annia und als Töchter eines Marcus benannt. Zugleich werden, ohne genauere Beschreibung ihrer gesellschaftlichen Funktion, zwei Personen namens Annius Protus sowie Annius Hilarus angeführt, wobei Annius Hilarus als vermeintlicher Vater von Cara und Tranquilla zu identifizieren ist, was auch von Seiten der historischen Forschung unterstützt wird.[1] So sei diese Inschrift gemäß Werner Eck so zu bewerten, dass Annius Protus gemeinsam mit seinem Mitfreigelassenen Annius Hilarus und dessen Töchtern Cara und Tranquilla diese Weihinschrift initiiert habe. Für diese Bezeichnung des Annius Protus und des Annius Hilarus als Freigelassene gibt es eindeutige epigraphische Hinweise. Hierfür ist eine weitere Inschrift aus Thamugadi zu betrachten, welche die Stiftung einer Weihinschrift für Victoria Parthica Augusta nach dem Testament eines Marcus Annius Martialis beinhaltet (EDCS-20100181). Hierin werden die soeben benannten Protus und Hilarus und noch zusätzlich ein gewisser Eros als Initiatoren der Inschrift angeführt und als liberti, also Freigelassene, des Marcus Annius Martialis aus der tribus Quirina benannt. Dieser wird hinsichtlich seiner militärischen Tätigkeit vielfältig beschrieben, was wiederum Schlüsse auf bestimmte räumliche und historische Bezüge erlaubt. So sei Marcus Annius Martialis ein Soldat der legio III Augusta gewesen, durch deren Gesandten Lucius Munatius Gallus Thamugadi ca. 100 n.Chr. als Colonia Marciana Traiana Thamugadi gegründet worden war. Zudem war Martialis ein decurio in der ala Pannonia, welche in Gemellae (etwa 140 km südwestlich von Thamugadi) stationiert war. Schließlich wird Martialis zusätzlich als Zenturio der legio XXX Ulpia Victrix benannt, der ehrenhaft von Trajan aus dem Militärdienst entlassen worden sei. Die legio XXX Ulpia Victrix war gegen 100 n.Chr. für die Dakerkriege ausgehoben worden und zunächst an der Donau, seit 122 n.Chr. dann im niedergermanischen Legionslager Vetera I in der Nähe der Colonia Ulpia Traiana (dem heutigen Xanten) stationiert. Somit ist festzuhalten, dass diese Inschrift sehr konkrete Auskünfte über den militärischen Hintergrund des Marcus Annius Martialis erteilt, welcher als patronus der bereits in der anfänglich thematisierten Inschrift hervortretenden Hilarus sowie Protus zu identifizieren ist. Als nicht gesicherte, aber eventuelle Grabinschrift des Marcus Annius Martialis ist eine Inschrift aus dem ca. 180 km nordöstlich von Thamugadi befindlichen Calama zu benennen (EDCS-04000076). Diese lässt jedoch aufgrund ihrer relativ wenigen Informationen über einen […]annius Martialis, der 67 Jahre gelebt habe, nur mutmaßen. Für einen Zusammenhang dieser Grabinschrift mit Marcus Annius Martialis spricht dennoch der Fundort Calama, welcher zur tribus Quirina gehörte, die in der vorigen Inschrift ebenfalls als die tribus des Martialis benannt wird.[2] Auch für die Freigelassenen Protus und Hilarus lassen sich Grabinschriften rekonstruieren. So liegt im Falle des Protus eine ebenfalls in Thamugadi befindliche Inschrift vor (EDCS-68400002), welche angibt, dass Marcus Annius Protus 50 Jahre gelebt habe und gemeinsam mit seiner vermeintlichen Tochter Annia Africana, die 12 Jahre alt wurde, begraben wurde. Für Hilarus hingegen liegt im etwa 180 km westlich von Thamugadi gelegenen Castellum Vanarzanense eine Grabinschrift vor, laut welcher er 50 Jahre alt geworden sei und seine Söhne Paetinus und Annianus ihm diese Inschrift gestiftet hätten (EDCS-60200068). An dieser Stelle ist wieder auf die These Werner Ecks zur ersten Inschrift zu verweisen, dass es sich bei Hilarus um den Vater von Cara und Tranquilla handele. Dies erscheint angesichts der vermittelten Informationen sinnvoll, wirft aber hinsichtlich dieser Grabinschrift dennoch Fragen auf, da hierbei lediglich zwei Söhne des Hilarus in Erscheinung treten, während die beiden Töchter, und vor allem die mit dem sozial bedeutenden Amt der flaminica versehene Cara, unerwähnt bleiben. Daher ist weiterhin zu diskutieren, inwiefern die familiären Verknüpfungen in diesen Inschriften plausibel erscheinen.

An dieser Stelle endet die bisherige Auseinandersetzung mit dieser flaminica und ihrer Familie. Zusätzliche etwaige Verknüpfungen mit räumlich und nominal nahestehenden Personen bieten sich aufgrund weiterer epigraphischer Befunde zwar an, erscheinen aber noch nicht in diese Ausführungen integrierbar und werden in weiteren Arbeitsschritten hinsichtlich einer Eignung überprüft. Auch wenn hiermit erst wenige Mitglieder der gens Annia ausgehend von der ursprünglichen Inschrift der flaminica ermittelt werden konnten und die familiären Beziehungen in vielen Fällen noch ungeklärt bleiben, hat dieses Beispiel hoffentlich diverse Aspekte verdeutlicht. So ist es möglich, mithilfe nominaler Ähnlichkeiten und Verweise auf Abstammung Vermutungen über Verwandtschaften zu tätigen. Wenn diese vermeintlichen Verwandtschaften zusätzlich eine geographische Nähe aufweisen, belegt dies die Vermutung zwar nicht zwingend, aber unterstützt diese definitiv.

Zwar entfernte sich diese Rekonstruktion immer weiter von der anfangs thematisierten flaminica und konzentrierte sich letztlich mehr auf Marcus Annius Martialis, aber dennoch ist dies als erfolgreicher Ansatz zu verstehen, um die familiären Verbindungen und Herkunftsorte dieser Kaiserpriesterin zu ermitteln. Dennoch ist einzugestehen, dass derartige Rekonstruktionen auf epigraphischer Basis schnell an ihre Grenzen stoßen können, da das Material äußerst begrenzt ist, sodass jeder Fund einer weiteren relevanten Inschrift einen Glücksfall darstellt. Zugleich sollte angesichts geringer Quantität vielmehr versucht werden, die einzelnen Inschriften möglichst detailliert auszuwerten, um eine größtmögliche Zahl an familiären und geographischen Bezügen herstellen zu können.

 

 


[1] Eck, Werner: Monument und Inschrift. Gesammelte Aufsätze zur senatorischen Repräsentation in der Kaiserzeit, Berlin 2011, S.130.

[2] Vgl. Grotefend, Carl Ludwig: Imperium Romanum Tributim Descriptum: Die geographische Vertheilung der römischen tribus im ganzen römischen Reiche, Hannover 1863,  S.171.

Kaiserpriesterinnen in Thugga

Alexander Abel

Als eine an epigraphischen Zeugnissen reichhaltige Region erwies sich die römische Provinz Africa proconsularis und insbesondere die numidische Siedlung Thugga (heute Dougga in Tunesien). Da hier die Aktivität vieler Kaiserpriesterinnen in römischer Zeit durch Inschriften gut dokumentiert ist, konzentrierte sich die Arbeit unserer Projektgruppe zunächst auf die Rekonstruktion sozialer Netzwerke und familiärer Verbindungen einzelner Priesterinnen in Thugga. Ausgehend von den in der Datenbank erfassten Priesterinnen, deren Wirken in Thugga epigraphisch belegt ist, und mithilfe der aus den Inschriften ersichtlichen Angaben (z.B. Namensbestandteile, Verwandtschaftsverhältnis, sozialer Status) sowie zusätzlichen (ggf. hypothetischen) Informationen aus der Sekundärliteratur (insbesondere Bertolazzi o.J., 7-12) ließen sich in drei Fällen somit mehr oder minder umfangreiche familiäre Verbindungen rekonstruieren. Diese können und sollen in den folgenden Beschreibungen nachvollzogen werden.

1. Die Kaiserpriesterin Nahania Victoria, als flaminica perpetua in den Jahren zwischen 185 und 192 und somit während der Herrschaft des Kaisers Commodus in Thugga aktiv, war die Ehefrau eines Quintus Pacuvius Saturus. Dieser übte ein demjenigen seiner Gattin vergleichbares Amt aus: Er war flamen perpetuus sowie augur im ca. 100 km nordöstlich von Thugga gelegenen Karthago. Gemeinsam hatten beide Eheleute einen Sohn namens Marcus Pacuvius Felix Victorianus, über den bisher jedoch keine weiteren Informationen vorliegen (z.B. CIL VIII 26482).

2. Zu Regierungszeiten des Marcus Aurelius hatte Nanneia Instania Fida im Jahr 173 das Amt der flaminica inne. Familiäre Beziehungen dieser Priesterin zu anderen historischen Personen sind nicht belegt. Es wird jedoch angenommen, dass ein gewisser Lucius Instanius Fortunatus, der unter Kaiser Hadrian mehrfach als curator diverser Tempelbauten in Thugga fungierte, ein direkter Vorfahr der Nanneia gewesen sein könnte. Auch Lucius Instanius Commodus Asicius kommt für eine Verwandtschaft mit Nanneia in Frage. Dieser wird auf einer Statue, die in das 3. Jh. n. Chr. datiert wird, als duumvir und aedilis für seine politische Laufbahn geehrt. Da jedoch keine persönlichen Ämter- oder Lebensdaten  überliefert sind, ist freilich ungewiss, ob er als ein Vor- oder Nachfahr der Nanneia zu bezeichnen wäre. Klar bezeugt ist hingegen eine Erbverbindung zwischen der Priesterin und Gaius Terentius Iulianus, der sowohl von jener als Erbe eingesetzt wurde als auch von ihr gestiftete Statuen einweihte (CIL VIII 26529). Für eine möglicherweise enge Verwandtschaft liegen keine Zeugnisse vor.

3. Die epigraphischen Zeugnisse zu Asicia Victoria boten aufgrund ihrer Informationsfülle das größte Potential zur Rekonstruktion der Verwandtschaftsverhältnisse. Folgerichtig erwiesen sich die Recherchen – verglichen mit denen zu anderen Kaiserpriesterinnen aus Thugga – als besonders ergiebig. Asicia Victoria, die während der Herrschaft des Septimius Severus in den Jahren 205/206 als flaminica perpetua in Thugga praktizierte, war die Tochter des Asicius Adiutor (CIL VIII 26589). Unklar ist die Zugehörigkeit des „Adiutor“ zum offiziellen Namen, zumal es sich hierbei auch um eine Berufsbezeichnung oder einen informellen Namenszusatz handeln könnte. Eine Beziehung des Asicius (Adiutor) von Berufs wegen zu Iulia Paula Laenitiana, flaminica perpetua unter Antoninus Pius zwischen 138 und 161, liegt insofern vor, als dass er laut Bertolazzi als curator der von ihr gestifteten Bauten belegt ist. Als besonders überraschend und interessant stellte sich während der Recherche die Erkenntnis heraus, dass auch im direkten familiären Umfeld der Asicia Victoria eine weitere flaminica existierte: In der in diversen Inschriften bezeugten Priesterschaft der Vibia Asiciane(s), der gemeinsamen Tochter der Asicia Victoria und ihres Ehegatten Marcus Vibius Felix Marcianus (z.B. CIL VIII 26591), kündigen sich erste Ansätze dynastischer Verhältnisse in Thugga an. Außerdem ist ein gewisser Minervianus überliefert, der, obwohl wir weder über seinen Vor- noch seinen Gentilnamen Kenntnis haben, in der Forschung als Neffe der Asicia Victoria identifiziert wird (CIL VIII 26592) und damit zur Peripherie des familiären Netzwerkes zu zählen ist.