Universität Osnabrück

Geschichte


Navigation und Suche der Universität Osnabrück


Hauptinhalt

Topinformationen

Christoph Rass: Das Sozialprofil des BND von den Anfängen bis 1968, Berlin 2016.

Als die Medien Mitte 1963 kolportierten, etwa 1% des BND-Personals hätten pro forma einen Dienstgrad in SS oder SD inne gehabt, hatte eine typische Exkulpationsstrategie der Nachkriegszeit auch den Geheimdienst erreicht. ‚Nazis‘ in signifikanter Zahl oder gar herausgehobener Position schien es im westdeutschen Auslandsnachrichtendienst nicht zu geben. Weit gefehlt, wie nach Jahrzehnten von Spekulation, Außenperspektiven und Skandalisierung nun die Forschungsergebnisse der UHK gestützt auf die Akten des BND belegen. Selbst Mitte der 1960er Jahre, als der Verratsfall Felfe den Dienst erschütterte und Hans-Henning Crome sich mit der ‚Dienststelle 85‘ auf die Suche nach NS-Belasteten im BND machte, forderte die Suggestion, es gebe so gut wie keine Kontinuitäten zwischen Nachrichtendienst und ‚Drittem Reich‘ ein Übermaß an Gutgläubigkeit.

Die von der UHK beauftrage Studie zum Sozialprofil des BND zwischen der Gründung und dem Jahr 1968 hatte das Ziel, formale Belastung von hauptamtlichem ND-Personal durch die Zugehörigkeit zu Institutionen des NS-Staates in sozialhistorisch quantifizierendem Zugriff zu klären. Die Untersuchung weist dabei durch die Auswertung von 3.650 Personalakten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Nachrichtendienstes eine bislang einzigartige empirische Grundlage auf, die sehr differenzierte und zugleich zuverlässige Aussagen Org.-Gehlen und Bundesnachrichtendienst ermöglicht.

Zu den zentralen Erkenntnissen zählt zunächst der Befund, das der Anteil an formal durch Zugehörigkeit zur NSDAP und ihren Gliederungen, zum Polizei, Sicherheitsdienst oder Gestapo, der Wehrmacht, der Waffen-SS oder der Ministerialverwaltung belastetem Personal schon zwischen 1951 und 1956 seinen Höhepunkt erreichte. Als aus der Org.-Gehlen der BND wurde, waren rund 87% der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend markiert. Die größte Zahl formal belasteter Personen fand sich im Nachrichtendienst indes zehn Jahre später, zwischen 1961 und 1966. Bedingt durch das rasche Wachstum der Organisation – auch hierfür bietet die vorliegende Studie erstmals zuverlässige Indikatoren – war nie mehr Personal mit deutlichen biografischen Bezügen zum NS-Staat im westdeutschen Auslandsnachrichtendienst zu finden als um die Mitte der 1960er Jahre – ihr Anteil dagegen war auf rund 55% gesunken.

Das weite Spektrum der spezifischeren Befunde kann nur exemplarisch aufgerufen werden. So hat sich (1) gezeigt, dass mehr als die Hälfte der NSDAP Mitglieder ihre Parteimitgliedschaft in ihren Personalakten nicht angegeben hatte, und dass es gerade die ‚Verschweiger‘ waren, die besonders lange im Dienst ausharrten, als in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die Zahl der formal Belasteten aus politischen und demographischen Gründen zu sinken begann. Zugleich hat sich (2) eine militärische Vergangenheit als das am stärksten prägende Element im Sozialprofil erwiesen: am männlichen Personal hatten Ex-Militärs 1954/55 einen Anteil von 93%. Quantitativ und auch mit Blick auf die Führungsebenen waren Org.-Gehlen und BND zeitweise überdeutlich dominiert von Personal, das aus den militärischen Institutionen des NS-Staates stammte. Die militärische Prägung perpetuierte dann – unter anderen Vorzeichen – die Personalgewinnung aus BGS und Bundeswehr. Dagegen erwiesen sich (3) etwa Gestapo, RSHA einerseits aber auch das Auswärtige Amt oder die Abteilung „Fremde Heere Ost“, denen zeitweise prägender Einfluss zugesprochen wurde, als nur durch relativ kleine Personengruppen vertreten. Gleichwohl fanden sich in den Reihen des Geheimdienstes – teils netzwerkbedingt – im Betrachtungszeitraum Hunderte durch ihre Zugehörigkeit zu verbrecherischen Organisationen des ‚Dritten Reiches‘ aufs schwerste belastete Mitarbeiter, die bis Mitte der 1960er Jahre weitgehend ungestört eine neue Karriere aufbauen konnten. Zuletzt konnte (4) aufgezeigt werden, dass sowohl der Generationenwechsel als auch eine Veränderung des Geschlechterprofils bei einer so rasch wachsenden Institution wie dem BND zentrale Faktoren für die wachsende Zahl und den zugleich sinkenden Anteil formal NS-Belasteter zwischen 1955 und 1965 gewertet werden müssen.

Unterschiede in Aufbau und Genese verschiedener bisher untersuchter Bundesbehörden, methodische Unterschiede und Diskrepanzen der Reichweite des empirischen Materials machen direkte Vergleiche quantifizierender Befunde schwierig – eine vergleichbare Absicherung und Differenzierung der Ergebnisse wird bislang von keiner anderen Untersuchung erreicht. Erkennbar wird, dass Vorsicht bei Verallgemeinerungen geboten ist. Letztlich trug jede bundesrepublikanische Institution in Abhängigkeit von zahlreichen Faktoren einen ganz eigenen Fingerabdruck des NS-Staates über die Biografien ihres Personals mit sich. So scheint das BfV einen niedrigeren Anteil an vormaligen NSDAP-Mitgliedern, aber eine höhere ‚Gestapo-Quote‘, das BMI dagegen einen sehr viel stabileren Sockel an alten NSDAP Leuten aufzuweisen, das BKA dagegen scheint als eine Domäne von SS-Kadern auf. Der BND, in dem fraglos das gesamte Spektrum biografischer Bezüge zur NS-Zeit präsent war, muss – bis weit in die Nachkriegszeit hinein – vor allem vom NS-Militärapparat geprägt gelten.